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KI muss jetzt Farbe bekennen
Seit dem 2. August müssen KI-Inhalte in der EU gekennzeichnet werden. Anthropic nennt den AI Act auch als Begründung dafür, dass von Claude generierte Texte künftig ein Wasserzeichen enthalten werden. Was heißt das für eure Arbeit mit KI? Eine Einordnung.
Was am 2. August wirklich passiert ist
In den Schlagzeilen klang es, als würde am 2. August 2026 „der große Teil“ des EU AI Act scharf gestellt. Das stimmt jedoch nur zur Hälfte:
Scharf gestellt sind seit dem 2. August die Transparenzpflichten (Artikel 50). Sie gelten unabhängig davon, wie „riskant“ ein KI-System ist, und sie sind ab sofort durchsetzbar. Was hingegen nicht in Kraft getreten ist: die großen Pflichten für Hochrisiko-KI-Systeme. Die wurden über den sogenannten „Digital Omnibus“ auf den 2. Dezember 2027 verschoben (für KI in Produkten sogar auf 2028).
Ab sofort müsst ihr euch über die Transparenzpflichten im Klaren sein. Für die Risiko-Einstufung habt ihr noch Zeit.
Die vier Transparenzpflichten
Die KI-Verordnung nennt vier Situationen für die Transparenzpflicht. In der Originalquelle nachlesen könnt ihr sie hier unter Artikel 50. Unsere Kurzübersetzung:
- Chatbots müssen sich zu erkennen geben. Wer mit einem KI-System schreibt oder spricht, muss wissen, dass am anderen Ende kein Mensch sitzt – es sei denn, das ist offensichtlich. (Solche lustigen Zusätze und Ausnahmen werden euch im Rahmen der KI-Gesetzgebung noch öfter unterkommen. Keine Angst, diese Unbestimmtheit macht es im Zweifel eher leichter für euch. Lasst euch keine überteuerte Rechtsberatung andrehen, die mit bewusster Panikmache arbeitet!)
- KI-generierte Inhalte müssen markiert werden. Anbieter (!), die Bilder, Videos, Audio oder Text erzeugen, müssen die Ausgabe maschinenlesbar als künstlich kennzeichnen. (Genau hier kommt gleich das Wasserzeichen ins Spiel.)
- Emotions- und Biometrie-Erkennung ist offenzulegen. Wer solche Systeme einsetzt, muss betroffene Personen darüber informieren.
- Deepfakes und öffentliche KI-Texte sind zu kennzeichnen. Wer täuschend echte Inhalte erzeugt oder KI-Texte zu Themen von öffentlichem Interesse veröffentlicht, muss den KI-Ursprung offenlegen – außer, ein Mensch hat den Text geprüft und übernimmt die redaktionelle Verantwortung.
Was heißt das für deine Organisation?
Ihr denkt jetzt vielleicht: „Wir sind kein Tech-Konzern, das betrifft uns nicht.“ Doch. Die Pflichten treffen jede Organisation, Behörde und jede:n Selbstständige:n, die KI beruflich nutzt oder unter eigenem Namen bereitstellt. Und für den deutschen Markt kommt ein Risiko dazu, das im Gesetzestext gar nicht steht:
Verstöße gegen die Kennzeichnungspflicht sind nicht nur bußgeldbewehrt (bis zu 15 Mio. €) – sie sind auch abmahnfähig über das Wettbewerbsrecht (UWG). Konkurrenz, Abmahnkanzleien und Verbraucherschutzverbände können unmarkierte KI-Bilder oder -Texte teuer abmahnen. Das kennt ihr vielleicht noch von der Google-Fonts-Abmahnwelle. Abgesehen vom rechtlichen Risiko müsst ihr natürlich auch das Thema Glaubwürdigkeit beachten: Ein unmarkiertes KI-Bild in einem eurer Postings kann sich auch schlecht auf das Vertrauen eurer Kunden auswirken.
Die gute Nachricht: Ihr müsst euch die Kennzeichnung nicht selbst ausdenken. Die EU-Kommission stellt ein offizielles Icon-Set bereit – drei Varianten (AI, AI GENERATED, AI MODIFIED), schwarz und weiß, kostenlos und ohne Pflicht zur Namensnennung. Eigene Labels sind auch erlaubt, solange sie sofort erkennbar und barrierefrei sind.
Deshalb bekommt Claude ein Wasserzeichen
Die Kennzeichnungspflicht trifft nicht nur euch als Nutzer:innen, sondern auch die Anbieter der Modelle (Punkt 2 aus der Liste oben). Deshalb hat Anthropic – gemeinsam mit rund 190 Unterzeichnern des EU-Verhaltenskodex zur Transparenz – angekündigt, ein unsichtbares Text-Wasserzeichen in künftige Claude-Modelle einzubauen. Dieses Wasserzeichen geht selbst beim Copy-Pasten nicht weg. Wohl aber, wenn man den Text signifikant umschreibt.
Wie funktioniert das? Ein Sprachmodell generiert Text Wort für Wort (bzw. Token für Token, aber so genau müssen wir hier nicht sein). Bei den meisten Wörtern gibt es mehrere gleich gute Möglichkeiten – „Das Wetter war kalt und grau“ oder „bedeckt“, für den Sinn macht es keinen Unterschied. Normalerweise entscheidet an dieser Stelle der Zufall. (Wie groß dieser Zufallsfaktor ist, bzw. wie viele wie unwahrscheinliche Möglichkeiten mit einbezogen werden, bestimmt u. a. die Temperatur-Einstellung – einigen von euch bekannt aus unseren Kursen.) Das Wasserzeichen beeinflusst jedenfalls die Auswahl mit einem geheimen Schlüssel: Statt dem Zufall bestimmt dieser Schlüssel die Auswahl der Wörter. Mit dem passenden Schlüssel lässt sich später prüfen, ob ein Text wahrscheinlich von Claude stammt. Für Lesende ändert sich nichts, sagt Anthropic – auch wenn manche kritische Stimmen durchaus die Möglichkeit sehen, dass Texte minimal schlechter werden könnten als ohne das Wasserzeichen.
Was das Wasserzeichen kann und was nicht
Damit ihr es richtig einordnet, hier nochmal eine Zusammenfassung für den Alltagsgebrauch:
Ein Wort zu „entfernbar“: Copy-Pasten entfernt das Wasserzeichen nicht, genauso wenig wie leichtes Editieren. Anthropic könnte immer noch sehen, dass z. B. 70 % des Textes aus ihrer KI stammen. Einen kompletten Rewrite würde das Wasserzeichen nicht überleben. Möglicherweise könnte man also eine andere KI den Text umschreiben lassen, um das Wasserzeichen zu entfernen – zumindest, solange diese KI nicht auch ihr eigenes Wasserzeichen einprägt.
Erkennbar für… bislang nur für Anthropic selbst, denn nur sie haben den Schlüssel. Ein Tool zum Prüfen von Text-Wasserzeichen will Anthropic in Kürze bereitstellen.
Und Dateien? Für Bilder (.png, .jpg, .svg) nutzt Anthropic kein Wasserzeichen, sondern ein C2PA-Content-Credential – eine kryptografisch signierte Notiz in den Metadaten, die festhält, dass die Datei mit Claude erstellt wurde. Denselben offenen Standard verwenden auch Kamerahersteller.
Eure 5-Punkte-Checkliste für nächste Woche
- Inventur: Wo taucht KI in euren veröffentlichten Inhalten auf? Social Media, Website, Newsletter, Reports, Präsentationen. Hier muss ab sofort gekennzeichnet werden.
- Bots prüfen: Haben eure Chat- oder Voicebots einen klaren „Ich bin eine KI“-Hinweis?
- Faustregel festlegen: Je realistischer ein KI-Inhalt wirkt, desto deutlicher muss der Hinweis sein. Bei rein assistierenden Schritten (z. B. Rechtschreibkorrektur) greift die Pflicht nicht.
- Icons einbinden: Nehmt die EU-Icons in eure Vorlagen und euer Redaktions-Playbook auf.
- Verantwortung klären: Wer trägt bei veröffentlichten KI-Texten die redaktionelle Verantwortung? Haltet das schriftlich fest – das ist eure Ausnahme von der Kennzeichnungspflicht.
Häufige Fragen zur KI-Kennzeichnungspflicht
Seit wann gilt die KI-Kennzeichnungspflicht des EU AI Act?
Die Transparenzpflichten nach Artikel 50 gelten und sind durchsetzbar seit dem 2. August 2026. Die separaten Hochrisiko-Pflichten wurden dagegen auf Dezember 2027 verschoben.
Muss ich KI-generierte Texte und Bilder kennzeichnen?
In vielen Fällen ja. KI-generierte Bilder, Videos und Audios müssen als künstlich erkennbar sein; veröffentlichte KI-Texte zu Themen von öffentlichem Interesse ebenfalls – außer, ein Mensch trägt nach Prüfung die redaktionelle Verantwortung. Rein assistierende Schritte wie Rechtschreibkorrektur sind ausgenommen. Ein Detail zur maschinenlesbaren Anbieter-Markierung: Für KI-Systeme, die schon vor dem 2. August 2026 auf dem Markt waren, greift diese Pflicht erst ab dem 2. Dezember 2026.
Was ist das Claude Wasserzeichen?
Ein unsichtbares Text-Wasserzeichen in künftigen Claude-Modellen, mit dem sich prüfen lässt, ob ein Text wahrscheinlich von Claude stammt. Es fügt keine sichtbaren Zeichen hinzu und lässt sich nicht auf einzelne Personen zurückführen. Anthropic setzt es zur Erfüllung des EU AI Act ein – und vermutlich auch, um in Zukunft Claude-Texte in Trainingsdaten zu identifizieren.
Drohen bei fehlender KI-Kennzeichnung Bußgelder?
Ja. Verstöße gegen die Transparenzpflichten können mit bis zu 15 Mio. € geahndet werden. In Deutschland kommt ein Abmahnrisiko über das Wettbewerbsrecht (UWG) hinzu.
Gelten die Hochrisiko-Pflichten des EU AI Act schon?
Nein. Der „Digital Omnibus“ (VO (EU) 2026/1744) hat die Hochrisiko-Pflichten auf den 2. Dezember 2027 verschoben, Produkte nach Annex I auf 2028. Seit August 2026 gelten die Transparenzpflichten.
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Kostenloses Erstgespräch vereinbarenHinweis: Dieser Beitrag ordnet ein und ersetzt keine Rechtsberatung. Die rechtliche Bewertung hängt immer vom konkreten Einzelfall ab. Stand: 17. August 2026.